Heimat ist ein schillernder Begriff,
mit dem sich schon viele Menschen beschäftigt haben. An dieser Stelle möchten wir Texte, Filme und Literaturhinweise zur Verfügung stellen, die eine Vertiefung des Themas erlauben. Diese Rubrik wird laufend ergänzt.
Texte:
- Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
- Hat Heimat für Sie eine Flagge?
- Worauf könnten Sie eher verzichten?
a. auf Heimat?
b. auf Vaterland?
c. auf die Fremde? - Was bezeichnen Sie als Heimat:
a. ein Dorf?
b. eine Stadt oder ein Quartier darin?
c. einen Sprachraum?
d. einen Erdteil?
e. eine Wohnung? - Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?
- Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?
a. die Landschaft?
b. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h. dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher mit Einverständnis rechnen können?
c. das Brauchtum
d. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommen?
e. Erinnerungen an die Kindheit? - Haben Sie schon Auswanderung erwogen?
- Welche Speisen essen Sie aus Heimweh (z.B. die deutschen Urlauber auf den Kanarischen Inseln lassen sich täglich das Sauerkraut mit dem Flugzeug nachschicken) und fühlen Sie sich dadurch in der Welt geborgener?
- Gesetzt den Fall, Heimat kennzeichnet sich für Sie durch waldiges Gebirge mit Wasserfällen: Rührt es Sie, wenn Sie in einem anderen Erdteil dieselbe Art von waldigem Gebirge mit Wasserfällen treffen, oder enttäuscht es Sie?
- Warum gibt es keine heimatlose Rechte?
- Wenn Sie die Zollgrenze überschreiten und sich wieder in der Heimat wissen: Kommt es vor, dass Sie sich einsamer fühlen gerade in diesem Augenblick, in dem das Heimweh sich verflüchtigt, oder bestärkt Sie beispielsweise der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär usw.) im Gefühl, eine Heimat zu haben?
- Wie viel Heimat brauchen Sie?
- Wenn Sie als Mann und Frau zusammenleben, ohne die gleiche Heimat zu haben: fühlen Sie sich von der Heimat des anderen ausgeschlossen oder befreien Sie einander davon?
- Insofern Heimat der landschaftliche und gesellschaftliche Bezirk ist, wo Sie geboren und aufgewachsen sind, ist Heimat unvertauschbar: sind Sie dafür dankbar?
- Wem?
- Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw. die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser geeignet?
- Was macht sie heimatlos?
a. Arbeitslosigkeit?
b. Vertreibung aus politischen Gründen?
c. Karriere in der Fremde?
d. dass Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen?
e. ein Fahneneid, der missbraucht wird? - Haben Sie eine zweite Heimat? Und wenn ja:
- Können Sie sich eine dritte und vierte Heimat vorstellen oder bleibt es dann wieder bei der ersten?
- Kann Ideologie zu einer Heimat werden?
- Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre, z.B. Harlem, und beschäftigt Sie, was das bedeuten würde, oder danken Sie dann Gott?
- Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?
- Auch Soldaten auf fremdem Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: Wer bestimmt, was Sie der Heimat schulden?
- Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
- Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Quelle: Max Frisch, Tagebuch 1966-1971, Frankfurt am Main 1972
Der 1911 in Zürich geborene Schriftsteller ("Homo Faber", "Andorra") starb 1991.
Lutz Seiler, Heimaten (Auszug).
In den Lexika ist »Heimat« im Kern als territoriale Größe bestimmt. Damit beginnt Heimat zu siedeln, auf Territorien, die bereits definiert sind, zum Beispiel als Staaten, Nationen, politische Blöcke oder Religionsgebiete. Daraus resultiert eine Schräge in seinem Bedeutungshof, auf der das Wort beinahe zwangsläufig in Felder politischer Kämpfe und ideologischer Projektionen rutscht. Mit nationalistischer Ideologie überfrachtet und pervertiert, war der Begriff zurecht untergegangen, doch ist er wieder aufgetaucht. Als enthielte er eine nicht ersetzbare Benennungsqualität, die von Mal zu Mal neuen Auftrieb gibt. Aber kaum steigt das Wort aus seiner versumpften diskursiven Umgebung, wird es erneut schwer beladen. Der weitfahrende Gedanke von der Globalisierung unseres Daseins sucht sein behausendes Korrelat und findet es in einem neuen Regionalismus der vielen, kleinen Heimaten. Auch der Literatur droht – vor allem wenn sie aus Osteuropa kommt – regional rezipiert zu werden. An Olga Tokarczuk interessierte besonders, daß sie im Sudetenland, in einem kleinen polnischen Dorf nahe der tschechischen Grenze lebt und schreibt, Viktor Pelewin ist die Stimme aus Moskau, französische Literaturexperten suchen in der deutschen Literatur nach Berlin usw.
Plötzlich verblaßt der Typ des Schriftstellers als »Global-player«. Das Globale besitzt keine »Heimvalenz«, wie Verhaltensforscher oder Tierpsychologen vielleicht sagen würden. Für den Thüringer kann, wenn er von Berlin auf der A 9 Richtung Süden fährt und fünfzig Kilometer hinter Leipzig die Hügel auftauchen und zu ziehen beginnen links und rechts der Straße, plötzlich ein »Gefühl von Heimat« entstehen. Diese Hügel besitzen in seinen Augen »Heimvalenz«. Mit ihrer affektiv-erregenden Wirkung führen sie zur Bildwelt seiner Herkunft, die in der Lage ist, Identität zu stiften, zu der schließlich auch das Gefühl des Verlusts gehört: euch traute Berge, die mich behüteten einst (Hölderlin, »Heimat«).
Löst man den Heimat-Begriff aus seiner territorialen Bestimmung, kann praktisch alles, was »Heimvalenz« besitzt, was als Heim, Herkunft, als ursprüngliche Behausung erfahrbar wurde, »Heimat« sein. Oft wird Sprache als »Heimat« bezeichnet, und das Schreiben kann auf diesem Wege »behausen«. Der eigene Name kann eine »Heimat« sein. Nach einer solchen Höhle sehnte sich vielleicht der Heimatlose in Schuberts Lied vom »Wanderer an den Mond«: Du aber wanderst auf und ab, / Aus Westens Wieg in Ostens Grab, / Wallst Länder ein und Länder aus / Und bist doch, wo du bist, zu Haus.
Filme:
Projekt Frauenkultur e. V. Leipzig
Literaturtips:
- Bundeszentrale für politische Bildung: Heimat ist, wo ich mich wohlfühle, Themenblätter im Unterricht, Frühjahr 2003_Nr. 25, www.bpb.de
- Bundeszentrale für politische Bildung: Heimat, Schriftenreihe „Diskussionsbeiträge zur politischen Didaktik, Bände 294/I und 294/II, Bonn 1990
- Bernhard Schlink: Heimat als Utopie, Frankfurt am Main 2000
- Christian Graf von Krockow: Heimat – Erfahrungen mit einem deutschen Thema, Stuttgart (2)1989
- Siegfried Lenz: Heimatmuseum, Roman, Hamburg 1978
- Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Stuttgart 2004
- Klaus Hofmeister, Lothar Bauerochse (Hrsg.): Wissen, wo man hingehört. Heimat als neues Lebensgefühl, Echter Verlag GmbH 2006
- Max Frisch: Tagebuch 1966-1971, Frankfurt am Main 1972 (S. 382 ff.)
- Lutz Seiler, Anne Duden, Farhad Showghi: Heimaten, Göttinger Sudelblätter, hrsg. von Heinz Ludwig Arnod, Göttingen 2001
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